Dein Atem als Tor zum Bewusstsein

Der Atem begleitet uns vom ersten Atemzug an bis zu unserem Letzten. Wenn wir uns sicher, geborgen und entspannt fühlen, dann kann sich der Atem natürlicherweise frei, ruhig und tief entfalten, indem sich das Zwerchfell ungehindert bewegt, der Brustkorb beweglich bleibt und dabei die unteren, mittleren und oberen Lungenbereiche entsprechend des natürlichen Sauerstoffbedarfs mit einbezogen werden. Unter Stress, Angst oder innerer Anspannung verändert sich das häufig, indem unbewusst der Atem angehalten wird, der Bauchbereich sich anspannt oder der Atem schneller und oberflächlicher wird. Die bewusste Yoga-Vollatmung hilft uns dabei, diese natürliche Atembeweglichkeit wiederzuentdecken, indem wir die Bauchatmung, die Brustkorbatmung mit dem bewussten spüren der Rippenbewegung und die Schlüsselbeinatmung zu einem harmonischen Atemfluss verbinden und wahrnehmen. Wichtig ist dabei, nichts zu erzwingen, sondern den Atem in seiner natürlichen Bewegung, geistig zu begleiten. Eine bewusste, freie und tiefe Atmung ermöglicht es, die verschiedenen Lungenbereiche einzubeziehen, um unser körperliches und geistiges Gesamtpotenzial zu nutzen, eine optimale Sauerstoffversorgung zu unterstützen sowie das Nervensystem zu regulieren und Muskelverspannungen zu reduzieren. 

Yoga nutzt zudem diese bewusste Arbeit mit dem Atem als Weg, immer wieder im gegenwärtigen Moment anzukommen, um das Fließen der Lebensenergie wahrnehmen zu können. 

Indem du die Atemwelle bewusst beobachtest, kannst du den Fluss der Lebensenergie im Zyklus des Lebens wahrnehmen. Mit dem Einatmen empfängst du und gehst in die Fülle, in der kurzen, natürlichen Pause danach, kannst du das Gefüllt Sein bewusst erfahren. In der dritten Phase, das Ausatmen, wirst du leer, lässt los und gibst ab, und endest mit der kurzen Pause nach dem Ausatmen, in der du die Qualität des Leerseins und Stille erfahren kannst. Die Atemwelle zeigt die Kraft von Yin und Yang, zwei scheinbare Gegensätze, die jedoch untrennbar zusammengehören und ohne einander nicht existieren könnten. Genauso, wie es kein Einatmen ohne Ausatmen gibt, gehören auch Anspannung und Entspannung, Empfangen und Loslassen, Aktivität und Sein untrennbar zum Leben, deren beide Seiten gleichermaßen wertvoll und notwendig sind. Den Atem können wir nicht besitzen oder festhalten. Wir können ihn nur empfangen, begleiten und bewusst mit ihm arbeiten. Seine besondere Kraft liegt darin, das Körperliche mit dem Emotionalen und Geistigen zu verbinden. Er reagiert auf unsere innere Verfassung und kann gleichzeitig auf sie zurückwirken. Wenn wir angespannt sind, verändert er sich und wenn wir ihn bewusst verlangsamen und vertiefen, kann dies auf der anderen Seite dazu beitragen, dass sich unser gesamtes Erleben verändert. Atemarbeit wird zu einer Brücke zwischen körperlicher Erfahrung und innerer Entwicklung. 

Der Atem wird zum Lehrer, Anspannung früher wahrzunehmen und in bestimmten Situationen, die Stress erzeugen, auch einmal innezuhalten und ihn zu beobachten, damit wir fühlen können, ob wir mehr Aktivität oder Ruhe benötigen, um ihn dann entsprechend zu nutzen. Was verändert sich in mir, wenn ich ihn beobachte? Schon diese einfache Aufmerksamkeit verändert die Beziehung zum eigenen Körper. Eine bewusste Atempraxis beginnt deshalb nicht mit Technik, sondern mit Zuhören und Beobachten. 

Die Meeresrauschen-Atmung verwenden wir im Yoga, um unseren Energiefluss bewusst zu aktivieren und gleichzeitig innere Ruhe und Gelassenheit zu entwickeln. Durch die leichte Verengung im Rachenraum entsteht beim Ein- und Ausatmen ein sanftes, gleichmäßiges Rauschen, ähnlich dem Klang des Meeres, was die Atmung bewusster, langsamer und gleichmäßiger macht. Das hörbare Atemgeräusch hilft dir, die Aufmerksamkeit nach innen zu lenken und ganz bei dir zu bleiben. Gerade in körperlich anstrengenden Situationen und anspruchsvollen Haltungen unterstützt uns diese Atemtechnik dabei, Kraft bewusst einzuteilen und keine unnötige Energie durch zu viel Anspannung zu verlieren. Es geht auch darum, dass wir unsere natürliche Wohlfühlgrenze bemerken und wahrnehmen können, ab wann wir damit beginnen zu kämpfen. Die Erzeugung unnötiger, innerer Verspannungen, wie zum Beispiel Schultern hochziehen und Nackenmuskeln verkrampfen oder den Atem anhalten, kann eine Stressreaktion mit Aktivierung des sympathischen Nervensystems auslösen, mit den Folgen von innere Unruhe, Muskelverspannungen und Druck im Brustraum. Wir lernen mit dem Meeresrauschen-Atem nicht gegen Widerstände  anzukämpfen, sondern ihnen mit Gelassenheit und Ruhe zu begegnen, das Nervensystems zu regulieren und in unserem Inneren ruhig, präsent und kraftvoll zu bleiben, auch wenn es im Außen stürmisch wird. 

Atemarbeit ist immer auch Körperarbeit. Neben der bewussten Atmung spielen die natürlichen Bewegungen des Körpers eine wichtige Rolle, denn ein freier Atem kann zum Beispiel die Beweglichkeit unterstützen und auf der anderen Seite kann körperliche Spannung eng machen und den Atem einschränken. Je bewusster uns der Atem wird, desto feiner können wir wahrnehmen, wo wir festhalten, uns schützen und wann wir wieder loslassen können. Auch unsere Emotionen spiegeln sich unmittelbar im Atem und können uns weit, leicht, schwer oder eng werden lassen oder ihn beschleunigen. Der Atem macht dadurch sichtbar, was in uns geschieht. Wenn wir lernen, ihn in emotionalen Situationen bewusst wahrzunehmen, müssen wir Gefühle nicht sofort verändern oder unterdrücken und können ihnen stattdessen Raum geben und erleben, wie sie sich im Körper bewegen und wieder verändern und erfahren, dass wir dafür nichts tun müssen, außer präsent zu bleiben. Der Atem wird dabei zu einem Anker, der uns hilft, mit einer Erfahrung verbunden zu bleiben, ohne von ihr überwältigt zu werden. Atemarbeit wird zu einer Praxis der Selbstverantwortung. Die Frage lautet nicht, welche Technik jetzt angewendet werden müsste, sondern, was dich jetzt in diesem Moment dabei unterstützt, wieder in einen stimmigen Zustand zu finden? Lerne, deinen Zustand bewusst wahrzunehmen, statt automatisch und unbewusst auf ihn zu reagieren, so dass der Atem mit zunehmender Übung zu einem inneren Kompass wird. Bereits wenige Minuten bewusster Atemwahrnehmung können zu einem festen Ritual werden und die Qualität des gesamten Tages verändern. Mit der Zeit wird der Atem zu einem vertrauten Begleiter, der uns daran erinnert, dass wir jederzeit in den Körper, den gegenwärtigen Moment und damit zu uns selbst zurückkehren können. Es ist immer unsere Wahlmöglichkeit. Du trägst das Tor zu deinem Bewusstsein bereits in dir. 

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