
Yoga gegen Stress
Wenn der Körper wieder loslassen darf. Stress beginnt nicht erst in dem Moment, in dem wir uns erschöpft fühlen, sondern viel früher, unbemerkt und tief in unserem Nervensystem. Ein voller Terminkalender, ständige Erreichbarkeit, Konflikte, Sorgen und ungelöste emotionale Themen können dazu führen, dass unser Körper immer häufiger in Alarmbereitschaft gerät. Was ursprünglich als kurzfristige Schutzreaktion gedacht ist, kann zum Dauerzustand werden. Yoga schafft hier einen wertvollen Raum, in dem der Körper wieder erfahren darf, dass er nicht ständig leisten, reagieren und funktionieren muss. Das autonome Nervensystem arbeitet ständig daran, unser inneres Gleichgewicht aufrechtzuerhalten. Der Sympathikus mobilisiert Energie, indem er dafür sorgt, dass wir wach, aufmerksam und handlungsbereit sind, damit bei Gefahr Herzschlag und Atmung sorgar beschleunigt werden, um Energie für eine schnelle Reaktion bereitzustellen. Der Parasympathikus unterstützt dagegen Ruhe, Verdauung, Erholung und Regeneration. Beide Systeme sind gleich wichtig, da wir Aktivierung genauso brauchen wie Entspannung. Problematisch wird es erst dann, wenn der Körper kaum noch aus der Aktivierung herausfindet. Genau hier setzt Yoga an. Es verbindet Bewegung, Körperhaltung, Atmung, Aufmerksamkeit und bewusste Entspannung. Dadurch entsteht die Möglichkeit, aus dem ständigen Tun wieder in das Spüren zu kommen und auch während der Asanas die Aufmerksamkeit im gegenwärtigen Moment zu halten, um den Körper zu beobachten und bewusst zu erfahren. Hierzu gehört die Integration des geistigen Trainings. Eine langsame Bewegung mit bewusster Atmung, Momente der Stille und Yin Yoga Haltungen der Hingabe, in denen du nichts leisten. Du erlaubst dir innezuhalten, zu sein und zu fühlen, was ist.
Stress ist zunächst eine natürliche biologische Reaktion, die in einer akuten Gefahr lebensrettend sein kann. Der Körper erhöht seine Aufmerksamkeit, mobilisiert Energie und richtet seine Ressourcen auf schnelle Handlung aus. Wenn diese Aktivierung jedoch über lange Zeit bestehen bleibt, fehlen dem Organismus die notwendigen Erholungsphasen. Wir schlafen schlechter, atmen flacher, halten unbewusst Muskeln angespannt, reagieren gereizter und können uns schlechter konzentrieren. So entsteht ein Kreislauf, der immer weiter Anspannungen erzeugt und nicht mehr zur Ruhe kommt.
Deshalb muss auch Entspannung bewusst erfahren werden. Der Körper braucht die Möglichkeit, wieder Sicherheit und Ruhe zu erleben, worin eine besondere Kraft der ganzheitlichen Yogapraxis liegt. Sie bringt uns aus dem Denken zurück in den Körper, vom Kopf in Herz. Wir alle kennen Situationen, in denen man plötzlich stärker reagieren, als es die aktuelle Situation eigentlich erklären würde. Plötzlich wird der Körper angespannt, der Atem flacher, das Herz schlägt schneller und die Gedanken beginnen zu kreisen. Frühere, alte Erfahrungen können unsere Wahrnehmung und Reaktionen beeinflussen, ohne dass uns dieser Zusammenhang immer bewusst ist.
Deshalb lohnt sich immer, sich selbst die Frage zu stellen, was im Körper gerade geschieht? Wo halte ich fest? Wo ist mein Atem eng? Wo spüre ich Druck? Wo fehlt Bewegung? Yoga beginnt mit der Bereitschaft, wahrzunehmen, was bereits da ist. Yoga bedeutet nicht, perfekt zu entspannen und daraus eine weitere Aufgabe zu machen mit der Erwartung, dass der Kopf sofort still wird. Denn gerade das erzeugt neuen Druck im Körper. Du darfst einfach damit beginnen, deinen Körper wieder bewusst wahrzunehmen. Der Atem wird dabei zu einer Brücke zwischen Körper und Bewusstsein. Bei Stress verändert sich häufig auch unsere Atmung, die schneller, flacher oder unregelmäßiger werden kann. Eine ruhige und bewusste Beobachtung der natürlichen Atemwelle, die aus Einatmung, Pause nach der Einatmung, Ausatmung und Pause nach der Ausatmung besteht, hilft dabei, die Aufmerksamkeit nach innen zu lenken ohne etwas zu erzwingen oder zu erwarten und ganz im Gegenwärtigen Moment anzukommen, indem es keine Probleme gibt. Mit jeder Ausatmung gibst du ein wenig mehr Anspannung an den Boden ab und mit jedem Einatmen nimmst zu wahr, wie mehr Raum entsteht. Yoga hilft uns dabei, Stress wahrzunehmen, Pausen zuzulassen und den eigenen Körper wieder bewusster zu erleben. Heilung bedeutet nicht, niemals mehr Angst, Trauer oder Stress zu empfinden, sondern eine andere Perspektive einzunehmen, um mit dem, was gerade da ist, anders umzugehen. Nicht mehr gegen den eigenen Körper zu kämpfen und jede Empfindung sofort verändern zu müssen, Sondern dem Körper zuzuhören, der eine großartige Intelligenz besitzt. Unser Körper ist nicht das Problem, der angespannte Nacken nicht unser Feind, die Müdigkeit kein persönliches Versagen, die innere Unruhe kein Zeichen dafür, dass mit uns grundsätzlich etwas nicht stimmt, sondern jedes Zeichen bedeutet, dass der Körper uns dabei helfen möchte, wieder in Balance zu kommen. Dazu braucht er unsere Aufmerksamkeit, um in Verbindung zu sein und die Wahrheit erkennen zu können. Im Yoga bewegen wir uns nicht, um einen perfekten Körper zu erschaffen, sondern um wieder ganz in unserem Körper anzukommen, um wieder mit und für uns zu arbeiten. Denn es geht um eine tiefere Form der Selbstfürsorge, denn Niemand kann besser für uns sorgen und wissen, was wir brauchen, als wir selbst.
Die erste praktische Übung beginnt mit dem Ankommen. Setze dich bequem in einen aufrechten Sitz, dein Kopf in Verlängerung zur Wirbelsäule. Schließe die Augen, lege eine Hand auf den Brustkorb und eine auf den Bauch. Beobachte deinen Atem mit jeder Atemwelle mit den 4 Phasen Einatmen-Pause-Ausatmen-Pause, ohne etwas zu verändern. Du bist der Beobachter deiner Atmung für drei bis fünf Minuten und lernst wahrzunehmen ohne zu bewerten. Denn jede Phase ist gleich wertig und wichtig. Denn es gäbe keine Einatmen ohne Ausamtmen und keine Ausatmen ohne Einatmen.
Als Nächstes widmest du dich deinem Schulter-Nacken-Bereich. Atme ruhig ein und ziehe währenddessen beide Schultern langsam nach oben, hinten und ziehe die Schulterblätter sanft zusammen. Halte für einen kurzen Moment. Mit dem Impuls der Ausatmung lasse die Schultern bewusst nach hinten unten sinken und genieße die Entspannung der Schultern. Wiederhole die Bewegung fünf oder zehnmal und genieße bewusst die Verbindung der Atemwelle und Schulterbewegung in jedem Moment. Einatmen – ich nehme wahr. Ausatmen – ich lasse los.
Auch eine sanfte Vorbeuge kann helfen, aus dem Gedankenkarussell zurück in den Körper zu finden. Stelle dich aufrecht hin, die Füße hüftbreit auseinander und gut mit dem Boden verbunden, Stabilität im Becken, so als würdest du mit der Lendenwirbelsäule eine Stuhllehne berühren und niemand könnte dich von hinten umschubsen. Beuge beim Ausatmen langsam die Knie und lasse den Oberkörper nach vorne sinken. Die Knie dürfen deutlich gebeugt sein. Lass Kopf, Nacken und Arme schwer werden, du musst nichts erreichen. Bleibe so lange, wie es dir gut tut und richte dich anschließend langsam, Wirbel für Wirbel wieder auf, zurück zum stabilen Stand und spüre nach. Wenn du einen stillen Rückzugsort brauchst, dann kannst du die Kleinkindhaltung einnehmen. Komme auf die Knie. Setze das Gesäß in Richtung Fersen und lege den Oberkörper nach vorne ab mit der Stirn am Boden. Die Arme können nach vorne ausgestreckt oder entspannt neben dem Körper liegen. Mit jeder Ausatmung darf dein Körper etwas mehr Gewicht an die Erde abgeben. Du musst gerade nichts leisten. Erlaube dir, einfach zu sein und alles abzugeben, was dir jetzt nicht mehr dient. Für den Übergang vom aktiven Tag in die Ruhe eignet sich auch die Rückenlage mit erhöhten Beinen. Lege dich auf den Rücken und bringe die Beine an eine Wand oder lege die Unterschenkel stattdessen auf einen Stuhl. Die Arme liegen entspannt neben dem Körper. Bleibe fünf bis zehn Minuten in dieser Position mit dem einzigen Auftrag, nichts zu tun.
Eine weitere Übung: sei der Raum für alles, was ist. Schließe die Augen und beobachte deinen Atem. Versuche nicht, ihn zu kontrollieren. Nimm wahr wenn Gedanken auftauchen, Unruhe, Angst, Enge, Weite oder Kribbeln. Nimm alles wahr was auftaucht und wieder verschwindet. Du musst nichts wegmachen. Lenke deine Aufmerksamkeit immer wieder sanft zurück zum Atem. Wenn du abschweifst, hast du nichts falsch gemacht. Das Zurückkehren ist die Übung. Auch an stressigen Tagen muss die Yogapraxis nicht lange dauern. Manchmal genügt eine der Übungen mit der anschließenden Frage: Was braucht mein Körper jetzt? Vielleicht ist die Antwort Bewegung oder Ruhe, vielleicht Wasser, Nahrung, Schlaf oder ein Gespräch. Yoga bedeutet nicht, jede Antwort auf der Matte zu finden, sondern wieder der Stimme des Herzens zu hören, anstatt uns von der Stimme des Ego-Mindes verwirren und in die Irre führen zu lassen. Die vielleicht wichtigste Yogaübung gegen Stress besteht manchmal darin, nichts zu optimieren. Du musst nicht flexibler, besser oder stärker werden. Du darfst zu dem rurückfinden, was immer schon da war, in deine Essenz des wahren Seins. Du darfst wieder bei dir sein und erkennen, wer du bist in deinem Wesenskern. Die Praxis beginnt nicht erst dann, wenn du völlig erschöpft bist, sondern vorher. Erinnere dich: du bist nicht dein Stress, du darfst ankommen und sein.